Thema: Konzernforschung VW

Magazin: Volkswagen Magazin (Volkswagen)

Textauszug

 

WISSEN SCHAFFT ZUKUNFT

(Originalfassung)

 

 

An der ersten Schranke ist bereits Endstation. „Sie können aus Sicherheitsgründen nicht direkt bis zum Eingang vorfahren“, sagen die Männer der Security, die ihren Dienst am MobileLifeCampus heute bei kalt stichelndem Nieselregen verrichten. Die Abriegelung des windschiefen Science-Fiction-Baus erklärt sich leicht: In wenigen Minuten treffen hier Prof. Martin Winterkorn und Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) mit ihren Tross ein. Mehr als 400 geladene Gäste aus Industrie, Forschung und Politik warten auf die Gastgeber des heutigen Tages. Der Vorstand und der Spitzenpolitiker weihen das Niedersächsische Forschungszentrum für Fahrzeugtechnik am Standort Wolfsburg ein: Neben anwendungsnaher Spitzenforschung steht die Förderung talentierter Nachwuchsingenieure im Fokus des neuen Zentrums.

 

Im Foyer des Mobile Life Campus haben sich die jungen Forscher des NFF längst neben ihren Postern kerzengerade aufgestellt. Einer von ihnen ist Andreas Sasse. Der Doktorrand der TU Braunschweig und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am NFF steht heute Rede und Antwort zu seinem Projekt: Dabei geht es darum, einen autonom fahrenden Pkw auch in anspruchsvollen Fahrsituationen wie in der Innenstadt jederzeit zentimetergenau zu orten. „Gerade in kritischen Situationen braucht man dafür hochsensible Ortungssysteme, die gewissermaßen mitdenken“, sagt der 28-Jährige. „Für die Navigation eines autonomen Fahrzeugs durch ein städtisches Umfeld müssen die etwas mehr drauf haben als konventionelle GPS/INS-Systeme.“ Um das Problem zu lösen, arbeitet der Ingenieur des Instituts für Flugführung mit Wissen aus der Luftfahrt.

 

Gleich neben Andreas Sasse steht eine experimentelle Forschungsanordnung auf vier Rädern: „Leonie“ wurde der Passat getauft, der hier bis aufs Dach mit Navigationstechnologie ausgestattet ist. „Schauen Sie mal“, Sasse öffnet die Kofferraumklappe des Kombis, „die Metallkisten hier drin und sämtliche Kabel müssen auf ein serientaugliches Minimum reduziert werden – damit statt kistenweise Spitzentechnologie eines Tages auch wieder ein Kasten Mineralwasser auf die Ladefläche des autonomen Fahrzeugs passt.“

 

Intelligentes Fahrzeug

 

Sasse arbeitet wie sein Teamleiter Jörn Marten Wille vom Institut für Regelungstechnik an dem TU-Großprojekt „Stadtpilot“, das sich zum Ziel gesetzt hat, bis 2010 autonomes Fahren eines Testfahrzeugs auf dem Stadtring in Braunschweig zu ermöglichen. „Unser Forschungsprojekt ist eingebettet in den Themenschwerpunkt Intelligentes Fahrzeug, den das NFF für seinen Standort Wolfsburg definiert hat“, erklärt Jörn Marten Wille.

 

Die Doktorranden Andreas Sasse und Jörn Marten Wille gehören zu einem Team von acht wissenschaftlichen Mitarbeitern der TU Braunschweig, die jetzt am MobileLifeCampus in Wolfsburg ihren Arbeitsplatz bezogen haben. Auf einer Fläche von 1.300 Quadratmetern stellt Volkswagen insgesamt 45 Arbeitsplätze für die TU Braunschweig zur Verfügung.

 

„Unserem Stadtpiloten-Team geht es auf dem Weg zum autonomen Fahrzeug darum, zukunftsfähige Kompetenzen aufzubauen, die schon heute in die Konzernforschung von Volkswagen einfließen können – zum Beispiel im Bereich Fahrassistenzsysteme“, erklärt Wille. Die erhofften Synergieeffekte zwischen Konzernforschung und Wissenschaft erfahren auf dem MobileLifeCampus eine durchaus praxisnahe Dimension. „Die Kollegen des Forschungsbereichs Fahrassistenzsysteme sitzen nur durch eine Glasscheibe getrennt auf dem selben Gang“, verrät Wille. Eine Zusammenarbeit mit Tradition: Bei der Darpa Urban Challenge 2007, dem internationalen Contest für führerlose Fahrzeuge, hat ein interdisziplinärer Verbund verschiedener Institute der TU Braunschweig in Zusammenarbeit mit der Konzernforschung erfolgreich nachgewiesen, dass autonomes Fahren auch in städtischen Ballungsräumen grundsätzlich möglich ist.

 

Praxisnahe Innovation

 

Im rappelvollen Foyer hat sich mittlerweile eine dichte Traube aus Kamerateams und Journalisten um Martin Winterkorn und Christian Wulff versammelt. „Mit dem NFF verbindet sich eine klare Botschaft“, diktiert der Volkswagenvorstand in die Blöcke. „Die Umsetzung von Spitzenforschung in praxisnahe Innovationen ist und bleibt Motor für die Zukunft des Automobils. Auch und gerade in schwierigen Zeiten.“ Die Region Braunschweig Wolfsburg bietet für dieses Vorhaben die besten Referenzen: „Hier steht die Denkfabrik des Konzerns, mit rund 10.000 Forschern und Entwicklern“, fügt Martin Winterkorn an.

 

Dafür, dass die Führungselite im Konzern immer „auf Stand“ bleibt, sorgt wiederum die AutoUni von Volkswagen, Hausherr im Hauptgebäude des MobileLifeCampus: Sie ist Schnittstelle für den Wissenstransfer zwischen Praxis und wissenschaftlicher Forschung im Volkswagen Konzern. Ihre weltweit stattfindenden Vorträge, Programme und Konferenzen richten sich an die Fach- und Führungselite sowie Berufseinsteiger. Neben technischen Themen komplettieren Geschäftsprozesse, Unternehmensstrategie und gesellschaftliche Fragestellungen das Portfolio der AutoUni.

 

„Unsere Lehrangebote und Projekte machen akademisches Wissen auf höchsten Niveau für die Fach- und Führungseliten im Konzern nutzbar“, erklärt Dr. Peter Tropschuh, Leiter der Autouni. Auf dem MobileLife Campus haben 55 AutoUni-Mitarbeiter aus allen Fachrichtungen Ihren Arbeitsplatz. Sie ergänzen die konzerneigene Forschung durch die Vermittlung von Wissen.

 

Näher am Kunden

 

Das vierstöckige Gebäude, auf dessen 25.000 Quadratmetern außer der AutoUni und dem NFF auch die Konzernforschung Fahrassistenzsysteme und die IT-Abteilung von Volkswagen untergebracht ist, ist alles andere als ein Elfenbeinturm. Tropschuh: „Alles was wir an der AutoUni unternehmen, muss eine Wertschöpfung in den unterschiedlichen Fachbereichen bringen. Unsere wissenschaftliche Arbeit ergibt nur Sinn, wenn der Kunde am Ende etwas davon hat.“

 

Dafür klettert der Chef nicht nur persönlich in einen „Alterssimulationsanzug“, der eine Vorstellung davon gibt, welche Ansprüche betagtere Autofahrer an Komfort und Sicherheit ihres Fahrzeugs stellen. Neben den Weiterbildungsaktivitäten führt die AutoUni unter dem Siegel „FutureLab“ auch eigene Forschungsprojekte durch. Eines davon ist „Wireless Wolfsburg“, mit dem man das Internet ins Auto kriegen will. Wenn man auf der Fahrt zum MobileLifeCampus ganz genau hinschaut, kann man dieses Projekt sogar sehen: Auf drei Kilometern der Wolfsburger Heinrich-Nordhoff-Straße, bis vor die Tore der AutoUni, wurden an den Ampelmasten W-Lan-Spots in kleinen grauen Kästen angebracht. Damit wird auf diesem Testabschnitt bereits eine lückenlose Signalversorgung für Internet im Auto sichergestellt.

 

Insgesamt 50 solcher Netzzugangspunkte gibt es heute in Wolfsburg. Das dazugehörige Testfahrzeug der Tiguan „auto@web“ wurde im März auf der CeBit in Hannover vorgestellt. In enger Zusammenarbeit mit der Konzernforschung, der Stadt Wolfsburg und Wobcom, erprobt man mobile Internetdienste in technischer Hinsicht, fragt nach der ökonomischen Umsetzbarkeit - und möchte mehr über die gesellschaftliche Akzeptanz in Erfahrung bringen.

 

Ganzheitliche Forschung

 

Die AutoUni steht für das Prinzip ganzheitlicher Forschung. Entgegen dem für Automobilindustrie typischen technologiebasierten Ansatz der angewandten Industrieforschung, fokussiert die Wolfsburger AutoUni das Unternehmen in seiner Gesamtheit. In Vorträgen, Konferenzen, und mehrmonatigen Programmen gilt das Interesse nicht allein technischen Fragestellungen wie etwa Emissionsminderung, Gießereitechnik oder Warmblechumformung, sondern bezieht Geschäftsprozesse, Unternehmensstrategien und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen bewusst ein. Nachgespürt wird da Themen wie „Beschaffungsmärkte 2025“, „Der deutsche Aktionär – das unbekannte Wesen“, oder „Wie entwickelt dich die Mobilität in China und Indien?“.

 

Als Dozenten freut man sich an der AutoUni über Führungskräfte aus dem Konzern und Koryphäen wie den Physik-Nobelpreisträger Prof. Dr. Peter Grünberg. Ziel ist es, soviel wie möglich externes Wissen zum Nutzen des Konzerns zu integrieren. „Die Zukunfts-Herausforderungen an den Konzern sind unwahrscheinlich vielschichtig“, sagt Peter Tropschuh. „Wir wollen versuchen, mit unseren Veranstaltungen für die Fach- und Führungselite im Konzern Hinweise darauf zu geben, wie man damit jetzt und in Zukunft umgeht.“

 

Es ist später Nachmittag geworden und hat aufgehört zu regnen. Die prominenten Schirmherren der NFF-Einweihung sind längst zum nächsten Termin geeilt, die Kamerateams haben zusammengepackt. Für Jörn Marten Wille und Andreas Sasse neigt sich das „Schaulaufen“ auch langsam dem Ende zu. Einer anderer Protagonist des heutigen Tages ist ebenfalls noch da: der Passat „Leonie“. „Den müssen wir jetzt wieder in seine Parkposition bringen“, sagt Sasse.

 

Die allerdings kriegt das Hi-Tech-Fahrzeug noch lange nicht autonom hin und braucht auch keine sicherheitskritischen Fahrassistenzapplikationen. „Den hieven wir mit einem Gabelstapler an einer Außenwand des MobileLife Campus wieder zurück in den ersten Stock.“ Da steht er dann wieder direkt neben den Büros von Herrn Wille und Herrn Sasse – zum Weitertüfteln.